Paris kritisiert USA wegen Uranmunition. Beratung bei der NATO

Aufklärung gefordert—Junge Welt, Jan. 5, 2001  

Die USA kommen in die Bredouille. Seit Jahren gibt es Berichte über die tödlichen Folgen sogenannter Uranmunition im Irak. Mißbildungen bei Neugeborenen und erhöhte Krebsraten im Zweistromland sorgten jedoch kaum für größere Schlagzeilen. Seit Bekanntwerden mehrerer Todesfälle bei NATO-Soldaten, die zuvor auf dem Balkan stationiert waren, gerät die von Washington eingesetzte Munition mit abgereichertem Uran (DU) nun endlich in die Kritik. Am Donnerstag forderte der französische Verteidigungsminister Alain Richard die USA mit scharfen Worten auf, zum Einsatz der umstrittenen Geschosse Stellung zu nehmen. Vier französische Soldaten würden derzeit wegen Blutkrebs (Leukämie) in Militärkrankenhäusern behandelt. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi sagte, er habe für den Einsatz von DU-Munition kein Verständnis. Auch ein Krieg habe Grenzen. Eine späte Einsicht, zu der man in Berlin allerdings noch nicht gelangte. Während Portugal die Untersuchungen des sogenannten Balkan-Syndroms nun auf alle etwa 10 000 Menschen auszuweitet, die in den 90er Jahren an Missionen im Kosovo und in Bosnien teilgenommen haben, begnügt sich Berlin mit Stichproben bei Bundeswehrsoldaten. Auf Antrag Italiens soll am kommenden Dienstag bei der NATO über den weiteren Einsatz von DU-Munition beraten werden. Rüdiger Göbel (Siehe auch Interview)

 Verharmlost die Hardthöhe die Urangefahr?—Junge Welt, Jan. 5, 2001 jW fragte Dr. Jens-Peter Steffen, Pressesprecher der Deutschen Sektion der IPPNW

(Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges - Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. Internet: www.ippnw.de)

F: Im europäischen Ausland häufen sich Berichte über die tödlichen Folgen von Uran-Munition, die von der NATO in Bosnien und im Kosovo verschossen worden ist. Während in Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, ja selbst in Finnland und der Türkei helle Aufregung herrscht, auf dem Balkan eingesetzte Soldaten könnten gesundheitliche Schäden von ihren Missionen davontragen, schwelgt die Hardthöhe in relativer Ruhe. Müssen sich deutsche Soldaten also keine Sorgen machen?

Es ist sicherlich zuviel Ruhe in der Hardthöhe und keine Übertreibung im Ausland. In Italien sind bislang sechs Soldaten verstorben, die auf dem Balkan im Einsatz waren. Mindestens zwölf weitere sind erkrankt. Aus Belgien wird berichtet, es gäbe neun Erkrankte, davon seien fünf bereits gestorben. Und auch aus Spanien ist ein an Leukämie verstorbener Veteran bekannt. Wir haben die Hardthöhe um Informationen gebeten. Unsere primäre Fragestellung richtet sich auf den Untersuchungsgegenstand. Die Hardthöhe hatte bis zum Jahresende ja mehrmals bekanntgegeben, daß es Gesundheitschecks gebe. Entscheidend ist natürlich, wie man diese durchführt und was man prüft. Wir fordern die Untersuchung des Urins der Soldaten, da man dort eine eventuelle Kontamination noch zwei Jahre später nachweisen kann. Doch das Verteidigungsministerium schweigt sich unter Berufung auf Geheimhaltung und Patientenrechte aus. Wir erhalten keine Antwort und werden statt dessen - so wie die nachfragenden Journalisten - vertröstet. F: Würden Sie sagen, Minister Scharping geht zu leichtfertig mit der Gesundheit seiner Soldaten um? Die Signale der Hardthöhe sind sehr widersprüchlich. Einerseits werden die Gefahren der DU-Munition kleingeredet, andererseits bestätigte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, die KFOR-Kontingente haben fünf Regionen im Kosovo identifiziert, die als Sperrgebiete gelten. Dort sollen deutsche Soldaten nicht hingehen. Das bedeutet doch in der Konsequenz, daß man von einer Gefährdung ausgeht.

F: Aus dem NATO-Hauptquartier verlautet, die Munition mit abgereichertem Uran sei nicht gefährlicher »als irgendein Schwermetall wie Quecksilber oder Blei«. Wird in Brüssel verharmlost?

Die Uran-Munition ist aus zwei Gründen gefährlich für menschliches Leben. Zum einen handelt es sich um ein Schwermetall. Wird es in höheren Konzentrationen aufgenommen, kommt es zu Schwermetallvergiftungen im Körper, die zu Nierenversagen und so weiter führen können. Zum anderen ist die DU-Munition ein schwacher Alphastrahler. Welche Auswirkungen die radioaktive Niedrigstrahlung hat, gilt es noch genauer zu untersuchen. Alle Daten, die wir kennen, beziehen sich auf die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Dort gab es eine hohe radioaktive Dosis in sehr kurzer Zeit. Jetzt haben wir es mit einer niedrigen Dosis in einem sehr langem Zeitraum zu tun.

Auch im Krieg gegen den Irak wurde DU-Munition eingesetzt, insofern gibt es doch Erfahrungen über die Folgen? Gerade der Irak ist das Erfahrungsmodell, auf dessen Folie wir jetzt zu unseren Einschätzungen kommen und warum wir ein internationales Verbot der DU-Munition fordern. Im Golfkrieg ist von ihr soviel verschossen worden, daß 315 Tonnen Uran 238 im Boden verblieben sind. Verläßliche Untersuchungen gehen von einem siebenfach erhöhten Krebsaufkommen bei den Kindern in Irak aus.

Aus Serbien erreichten uns Informationen eines Arztes, es gäbe ein 30prozentig erhöhtes Krebsaufkommen. Sicherlich ist diese Angabe noch mit Vorsicht zu genießen, aber es führt doch vor Augen, daß auch die Zivilbevölkerung in den betroffenen Ländern und Gebieten, über die gegenwärtig nicht geredet wird, unter möglichen Verstrahlungen leiden wird.

F: In den USA, deren Truppen die DU-Munition einsetzen, wird darauf verwiesen, daß ein direkter Zusammenhang zwischen Uran-Munition und späterer Krebserkrankung nicht nachgewiesen werden kann. Ist das in der Absolutheit aufrechtzuerhalten?

Der Verweis auf die Kausalität ist immer ein Trick. Natürlich ist es schwierig, bei einem älteren oder erwachsenen Menschen nachzuweisen, daß ein Krebs nun wirklich nur aufgrund der Uran-Kontamination verursacht wurde. Es könnten vorher ja auch Dioxine oder andere Wirkstoffe auf diesen Körper eingewirkt haben. Das ist immer möglich und wird in der Wissenschaft auch als Argument respektiert. Deswegen sind die Daten von Kindern bzw. von Neugeborenen immer sehr entscheidend. Diesbezüglich gibt es Erfahrungen aus dem Irak. Seitdem hat das US-Militär zumindest für die eigenen Soldaten schon neue Richtlinien herausgegeben. Diese Richtlinien kommen allerdings nicht der Zivilbevölkerung zugute, die weiter mit der Uran-Munition leben muß.

Interview: Rüdiger Göbel

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